Sonntag, 22. Mai 2016

Über das Altwerden in Film und Literatur ein Beitrag von Frida Adriana Martens

Über das Altwerden in Film und Literatur

Schon vor Jahrzehnten sang Udo Jürgens “Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.” Im Hier und Jetzt sind die Nachrichten allerdings voll von Altersarmut, zunehmender Demenz und allgemeiner Angst vor einer Überalterung der Bevölkerung. Ein wesentlich positiverer Trend zum Lebensabend findet sich in Europas Literatur- und Filmwelt. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Künstler ihre Visionen von besserer Lebensqualität freier ausdrücken und schöner verpacken können als trockene Nachrichtensendungen das vermögen. Schon vor einigen Jahren war ich begeistert von einem Film auf einem kleinen Festival, dessen Titel man wohl mit “Einfache Fahrt nach Antibes” übersetzen würde. Ich finde ihn leider nirgends auf dem deutschen Markt, aber verstehe zum Glück die Originalsprache Schwedisch. Nach Antibes in Frankreich will in diesem Fall ein schwedischer Senior, dessen Kinder im Laufe der Jahre zu gierigsten Geschäftsleuten verkommen sind und sich in Anwesenheit des alten Vaters über sein Erbe streiten. Sie wollen ihn erst ins Heim abschieben und schliesslich gar mit seinem eigenen Herzmedikament vergiften, um seine Villa verkaufen zu können. Das Heim wäre in Stockholm und würde den alten Herrn von seinen ländlichen nordschwedischen Wurzeln wegreissen. (Es ist nach meiner Erfahrung ein typisches Problem nordischer Länder, dass die Hauptstädte und ländliche Gegenden oft einander nicht ausstehen können, obwohl sie voneinander abhängig sind. In einem isländischen Kurzfilm beendet ein Einödbauer lieber auf feierliche Weise sein Leben, bevor seine Angehörigen ihn ins Altenheim nach Reykjavik verfrachten können.) Alter Schwede – da entwischt der Opa der Familie am Bahnhof, steigt ohne zu bezahlen in irgend einen Zug – und bestellt, als der Schaffner kommt, kurzerhand eine einfache Fahrt nach Antibes. Dort will er seine Jugendliebe wieder finden und herausbekommen, ob es wirklich stimmt, dass es nie zu spät ist. Opas Flucht vor den geldgeilen Sprösslingen und seine Suche nach der grossen Liebe führen ihn zu abenteuerlichen Bekanntschaften. Da ist die junge Taschendiebin, welcher er anvertraut, dass er nur schlecht hört wenn es “nötig ist”. Oder der Schweinezüchter, der meint dass Schweine 93 Prozent aller Gene mit den Menschen gemeinsam haben und für die anderen 7 Prozent einfach nur dankbar sein sollen. Oder der Priester, der einen Mann beerdigen soll, über den so gar niemand etwas Nettes sagen kann – und der deswegen den fremden Reisenden für eine neutralere Grabrede abstellt, die dann sogar die Angehörigen tief berührt. Damit bekommt der alte Mann plötzlich wieder ehrliche Kontakte – fernab vom Materialismus seiner Familie. Am Ende kann er seine Ableger sogar fragen, ob es nicht “schöner wäre, wenn jeder das täte, was er wirklich wollte.”
Ebenfalls aus Schweden kommt die Geschichte vom “Hundertjährigen, der aus dem Fenster kletterte und verschwand.” Kennt glaube ich jeder, muss ich hier nicht komplett nacherzählen. Ich lese von der Geschichte immer wieder mal ein Stück und lache mich immer scheckig, weil sie so bildhaft geschrieben ist und so absurde Dinge darstellt. Mir wurde von Kindesbeinen an eingetrichtert, ich habe Rücksicht auf die ältere Generation zu nehmen und dies zu tun und das zu lassen wenn sie in der Nähe ist. Der Hundertjährige hebt all diese Konventionen aus den Angeln, nimmt keine Rücksicht auf die Menschen die ganz traditionell seinen Geburtstag feiern wollen, und schafft sich selbst eine neue Lebensqualität, mit der niemand gerechnet hätte. Vielleicht hat dieses Buch einen Boom an Seniorengeschichten ausgelöst. Denn Deutschland wartete 2014 mit dem sehr beherzten Demenzfilm “Honig im Kopf” auf, Frankreich folgte ein Jahr später mit “Les Memoires” (Erinnerungen). Ersterer Streifen zeigt die Versuche der 11jährigen Tilda, den Opa im Frühstadium von Alzheimer zu verstehen – und ihn an einen geliebten Ort aus seiner Vergangenheit zurückzubringen, weil ihm das angeblich hilft, sich besser zurechtzufinden. Zweiterer Film dreht sich abermals um eine geplante Abschiebung ins Heim, nur Oma hat andere Pläne. Sie möchte lieber zurück in die Normandie, wo sie vor dem Krieg Schülerin war. Während ihr hysterischer Sohn sich eigenartige Fragen der Polizei gefallen lassen muss (“Ist Ihre Mutter volljährig? Wenn ja, gehen Sie bitte, Vermisstenanzeigen machen wir nur für Minderjährige!”), denkt ihr Enkel mit und kramt in Erinnerungen, welche die Oma ihm ausgiebig erzählt hat. Er stösst auf Menschen, die meinen er suche einen versteckten Ort in der Normandie, um dort Selbstmord zu begehen. Aber letztendlich macht er den Charakteren und den Zuschauern klar, dass er und seine Grossmutter voller Leben stecken und nur nicht immer bevormundet werden wollen. Der Junge findet auf seiner abenteuerlichen Omajagd sogar die grosse Liebe, und der Film findet auch einen Weg, würde- und liebevoll mit dem Tod umzugehen.
Mit all diesen Geschichten im Hinterkopf lese ich derzeit “Wir fangen gerade erst an” von Catharina Ingelman-Sundberg, ebenfalls aus Schweden. Eine Freundin sagte, das könnte mir gefallen, wenn mir schon der Hundertjährige, der aus dem Fenster kletterte, zugesagt habe. Allerdings enthalte das Buch einen Humor, mit dem man klar käme oder auch nicht. Bisher gefallen mir die Beschreibungen witzig-absurder Szenen, beispielsweise als die Senioren in einer Welle neuer Emanzipation in die Küche des Altenheims einbrechen, sich ein Festmahl mit edlem Wein zubereiten (jeder nach seinen Begabungen und alten Erinnerungen) und am nächsten Morgen von der Heimleitung sturzbesoffen in einem wüsten Haufen von Essensresten gefunden werden. Es ist im Buch oft die Rede von Sparmassnahmen – ein Problem, das ganz Europa betreffen dürfte, aber in den nordischen Ländern wegen der besonderen Gesetzgebung zu selbstbestimmter Assistenz und gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe extra plakativ diskutiert wird. Eine isländische Bekannte teilte neulich einen Beitrag auf Facebook, der sich darüber lustig machte dass das Versorgungs- und Unterhaltungsangebot in örtlichen Gefängnissen besser sei als in entsprechenden Altenheimen. Dieser Gedanke taucht auch in Ingelman-Sundbergs Roman auf. Ihre betagten Charaktere planen, sich Speis, Trank und Hygiene nach Gefängnisstandards zu sichern, indem sie eine Bank ausrauben. Da bleibt nur noch das kleine Problem, dass niemand eine harmlos wirkende alte Dame mit Gehwagen als fiese Gangsterin ernst nimmt.
Fazit: Die Film- und Literaturwelt hat in den letzten paar Jahren durchaus ein Bewusstsein für das Altern sowie den würdigen Umgang mit altersbedingten Krankheiten und dem Tod entwickelt. Dabei ist es ein häufiges Motiv, dass Senioren eher “verwaltet” oder aus materialistischen Interessen heraus von der Familie abgeschoben werden. Bei “Honig im Kopf” fand ich den Ausspruch des Arztes gut, dass die Angehörigen des dementen Herrn sich ehrlich klar machen sollen, in wieweit sie mit der Pflege selbst zurecht kommen und wo sie Hilfe brauchen. Vielleicht bringt gerade diese Aussage die Familie dazu, den Opa ganz natürlich in den Alltag zu integrieren, auch dann als er letztendlich ins Heim muss, weil alle Versuche scheitern, ihn zu Hause zu pflegen. Was mit den betagten Gangstern aus meiner Lektüre passiert, weiss ich noch nicht, aber ich bin gespannt – schliesslich fange ich auch gerade erst an.

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