Samstag, 14. November 2015

Bestürzung









Ich mag euch gar keinen schönen guten Morgen, oder einen schönen Tag wünschen. Zu sehr bin ich bestürzt über die jüngsten Ereignisse in Paris.

Ich vermag es auch nicht in Worte zu fassen, was ich fühle und empfinde. Aber ich glaube, das muss ich nicht, auch wenn jeder es anders formuliert. Wir fühlen doch irgendwie das gleiche, oder? Unglaube, Schock, unverständnis, Mitleid, Betroffenheit, gerne dürft ihr diese Liste noch ergänzen.

Es kommen, zumindest bei mir, Erinnerungen hoch, an einen Septembertag im Jahre 2001. Als man nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kam, und eigentlich nur aus reiner Gewohnheit den TV angemacht hat. Panische Menschen, Bilder von Flugzeugen, die in Gebäude rasen und alles zu Staub zerfallen lassen. Unzählige Theorien wurden gemutmaßt. Mehrere tausend Menschen schwer verletzt, gestorben.

Und heute, im November 2015? War Amerika tausende von Kilometern entfernt, so ist es heute das nahe Frankreich, welches den Terror gespürt hat. Nun könnte man doch aber auch hier sagen, es liegen ein paar hundert Kilometer zwischen Paris und uns. Also zumindest zwischen Paris und Lissabon. Dennoch, was machen so ein paar hundert Kilometer aus? Der Schock sitzt tief.

Meine Gedanken und mein Herz sind bei den Franzosen, und ein klein wenig bedauere ich es, dass ich meine ehemalige Mitbewohnerin nicht in meiner Freundesliste habe. Zu ihr sind meine Gedanken gestern abgeschweift. Auch fühlte ich mich schrecklich, wenn ich an meine derzeitige andere Mitbewohnerin aus Frankreich denke. Sie die hier sitzt in Lissabon, wie muss es ihr ergehen solche Dinge aus der Heimat zu hören? Hatte sie Freunde und/oder Familie in Paris? Ausnahmezustand von oben angeordnete Grenzschließung. Sinn dahinter? Man kann nur mutmaßen. Ich rede mir ein, dass meine ehemalige Mitbewohnerin in Sicherheit und gesund ist, da sie aus dem Norden Frankreichs kommt.

Sich vorstellen, dass die IS ihre Drohnung wahr macht, und weitere Attentate auf andere Großstädte verübt? Will und kann ich mir nicht vorstellen.

Was mich wütend macht sind nicht nur die Vorfälle. Hier richtet sich mein Zorn explizit gegen die Rädelsführer, diejendigen, die sicher sonst wo sitzen, und aus der Ferne ihre Befehle erteilen. Sie machen sich schuldig am Tod so vieler unschuldiger. Schuldig sind sicherlich auch die Menschen, die diese Taten ausführen. Darf man ihnen allerdings, so wie ich es gerne möchte, "entgegen" kommen und sagen "denn sie wissen nicht was sie tun"?, ihnen bescheinigen, dass sie unter falschem Einfluss, ja sogar Gehirnwäsche standen? Dass sie, wie so viele andere in anderen "Vereinen" einfach nur eine Lösung für sich aus einer negativen Situation heraus gesucht haben und an die falschen Leute geraten sind? Man stelle sich vor, (depressive) Menschen, die jegliche Hoffnung verloren haben bekommen immer und immer wieder erzählt, dass man ihnen helfen könne, dass es ihnen besser ginge, wenn sie dieser oder jener "Vereinigung" beitreten. Es ist schwer vorstellbar, dass vernünftigdenkende, logisch denkende Menschen solch einen Irrsinn mitmachen würden. Menschen hingegen, die aus ihrer eigenen Sicht auf ihr eigenes Leben nichts mehr zu verlieren haben? Zu oft las ich heute Nacht die Sätze "Die Regierung ist schuld, weil..." oder "Das haben wir nun davon, dass wir Flüchtlinge rein lassen". Auch diese Menschen haben meiner Meinung nach an logischem Denken nachgelassen. Terroranschläge wurden schon verübt BEVOR die Flüchtlinge kamen, und sie werden auch DANACH statt finden. Die Regierung muss an anderer Stelle eingreifen. Nämlich dort, wo die Menschen sich in ausweglosen Situationen fühlen. Diesen Menschen Hilfe anbieten, um auf dem richtigem Weg wieder Mut und Hoffnung zu schöpfen. Die Gesellschaft muss aufhören kranke Menschen als "schlechter" zu bezeichnen als den vermeindlich gesunden. Versteht mich nicht falsch. Ich rechtfertige in KEINSTER WEISE was vergangene Nacht geschehen ist. Dennoch verurteile ich genauso die Hetze, die nun wieder ausgebrochen ist. Ist der Mensch nur glücklich, wenn er einen Sündenbock in Form einer Herkunft oder Glaubensrichtung hat? Früher waren es Juden und Hexen, die für Krankheit, Wetter und Missernten schuldig gemacht wurden, heute sind es die Flüchtlinge, die für alles die Verantwortung übernehmen sollen.

Vergangene Nacht schrieb ich einer Freundin, dass unsere Sorgen doch um ein vielfaches kleiner seien als die der Flüchtlinge. Sie gab mir recht sagte aber auch, dass man dies nicht miteinander vergleichen dürfe. Wir beide haben recht, und dennoch es muss Möglichkeiten geben. Wir ALLE fühlen uns jetzt hilflos und klein, weil so etwas vor unserer Haustür passieren konnte. Aber es sollte auch ein Aufwachen geben, wie es viele von der Regierung erwarten. Doch sollte es nicht nur von der Regierung geschehen. Ein Mensch, der sich angegriffen fühlt fängt irgendwann an sich zu verteidigen. Daher können auch wir, Ottonormalbürger anfangen zu akzeptieren, dass ein Land nicht nur aus den eigenen Bürgern mit der entsprechenden Staatsangehörigkeit besteht. Wir müssen lernen umzudenken, uns vielleicht mal wirklich versuchen ein kleines Stück in die Lage des Gegenübers zu versetzen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in meiner Stadt verfolgt werde, aus Angst alles zurück lasse, außer der Kleidung die ich am Leibe trage, und vielleicht noch die mir wichtigesten Dinge zu retten versuche? Eine Odysse durch die Heimat auf illegalen Schleppern in ein Land, dessen Kultur und Sprache ich nicht verstehe. Muss dieser Mensch, der sein bisheriges Leben aufgegeben hat, der Freunde und Familie, sein Eigentum zurückgelassen, oder verloren hat auch in der Ferne Angst um sein Leben haben? Diese Menschen haben kein Interesse Terroristische Anschläge zu verüben. Diese Menschen wollen einfach nur eines, Ihr Leben weiterhin bestmöglichst schützen. Oft höre ich auch in diesem Zusammenhang, dass die Männer Ihre Familien in egoistischer Weise zurück lassen, und alleine nach Europa kommen. Warum unterstellt man diesen Männern, solche Taten? Um noch mehr auf seinen eigenen Parollen rum reiten zu können, dass der Ausländer der böse Mann sei? Ich wiederhole mich, diese Menschen reisen ausgehungert, vielleicht sogar schon krank und verletzt durch ihr eigenes Land, in dem Erstreben lebendig raus zu kommen. Geben dann zu viel Geld aus für Schlepper, die sie nach Europa bringen sollen, auf einem Boot, welches viel zu klein ist für all diese Menschen. Ausgehungerte Frauen und Kinder halten diese Strapazen nicht so lange durch wie Männer. Deshalb sind diese Männer aber nicht böser, als die Frauen und Kinder, die diese Flucht nicht überleben.

Hoffen und gedenken wir gemeinsam dafür, dass Paris sich bald erholt, dass den Überlebenden und Hinterblieben jegliche erdenkliche Hilfe angedeiht wird, die sie benötigen um diese Dragödie zu überwinden. Aber auch, dass die Seelen der Verstorbenen ihren Frieden finden.

In tiefstem Schock, eure Rea


P. S. Verzeiht diesen heutigen langen Text. Ich habe lange über das Thema "Flüchtlinge" geschwiegen, und nun hat sich alles ergossen wie in einem kaputten Stausee.

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