Samstag, 24. Januar 2015

[Aktion] Protagonisten erzählen #1 Heute mit Lina


http://www.amazon.de/Lina-Hoffnung-Emma-S-Rose/dp/1499318251/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1419524168&sr=8-1&keywords=lina+hoffnung+auf+leben 
Heute möchte sich gerne Lina zu Wort melden. Vielleicht kennt ihr sie bereits aus dem Buch „Lina – Hoffnung auf Leben“, vielleicht lernt ihr sie nun kennen.
Viel Spaß mit ihr!

(Lina räuspert sich leise.)

Hallo meine Lieben, wie schön, dass ihr es auf Reas Blog geschafft habt. Ich bin tatsächlich die Erste, die diese neue Rubrik einweihen darf, und ehrlich gesagt macht mich das ein bisschen nervös.
Vielleicht wissen manche von euch ja schon, dass ich ein turbulentes Jahr hinter mir habe. Ich gehöre wohl zu dem Typ Mensch, von dem die meisten denken: „Gott sei Dank geht es mir nicht so wie ihr“. Ich habe einiges an Mist mitgemacht und sicherlich nicht immer nachvollziehbar gehandelt. Wenn ich jetzt so zurückdenke, frage ich mich auch immer und immer wieder, warum ich nicht dieses und jenes anders gemacht habe, warum ich mich nicht gewehrt, mir nicht schon eher Hilfe geholt habe.

Ich kann es im Nachhinein gar nicht so genau sagen, kann aber versuchen, euch mein Verhalten zu erklären.

Wenn man schon im frühesten Alter mit derart unbegreiflichen, schrecklichen Dingen konfrontiert wird, gibt es nur wenige Optionen. Entweder man dreht durch und zerbricht vollkommen daran, oder man versucht irgendwie, das Ganze zu adaptieren. Im Hinterkopf weiß man ganz genau, dass es einfach nicht richtig ist, wenn sich der Stiefvater zu einem ins Bett legt – aber man ist so jung. Man muss sich schlimme Dinge anhören, dann wieder liebe Worte, und immer wieder wird gesagt, dass es normal ist. Dennoch fühlt man diese tiefe Scham und dieses diffuse Wissen, dass es ganz und gar nicht normal ist – doch was soll man tun? Man ist klein, jung, hilflos, alleine gelassen.
Ich wollte nicht zerbrechen, ich wollte nicht durchdrehen. 

Heute weiß ich, dass ich dadurch die Katastrophe nur verzögert habe. Kein Mensch kann all das durchstehen, ohne Schaden davonzutragen. All die Scham in mir hat dazu geführt, dass ich die schrecklichen Erlebnisse so gut es ging vor allen anderen versteckte. Bis heute frage ich mich, wieso andere Menschen nicht schon eher etwas bemerkt haben. Nicht, dass ich es darauf angelegt habe. Es ist wohl ein deutliches Zeichen dafür, dass vieles im Verborgenen geschehen kann, wenn man es nur will. Und wieso? Themen wie sexueller Missbrauch in der eigenen Familie sind derart grotesk, dass man einfach nicht daran glauben möchte. Und wenn man an etwas nicht glauben möchte, dann nimmt man die Anzeichen auch nicht so schnell wahr. Das ist ganz sicher kein Vorwurf, sondern einfach nur eine traurige Tatsache. Eine traurige Tatsache, die mir gleichzeitig in die Karten spielte – denn ich wollte es ja alles verstecken – und mir fast das Genick brach, denn ich hätte viel früher aus diesem Teufelskreis ausbrechen müssen.

Ich kann froh sein, dass Eric schließlich in mein Leben trat, auch wenn ich darüber erst gar nicht begeistert war. All die Jahre hatte ich daran gearbeitet, nicht zu viel von mir preiszugeben, sodass ich fast jeden Menschen von mir gestoßen hatte. Sich plötzlich wieder mit jemandem auseinandersetzen zu müssen war demnach ein großer … Schock für mich.

Aber Eric ließ nicht locker. Er nervte mich so lange, bis ich ihn nicht mehr auf Abstand halten konnte. Zu dem Zeitpunkt war ich so kurz davor, vor Einsamkeit und unter der Last meiner Erlebnisse zusammenzubrechen. Er kam genau richtig. Er musste einfach nur die richtigen Worte zur richtigen Zeit sprechen und schon fing meine Mauer an, zu bröckeln. Das, was er dann zu sehen bekam, entsprach sicherlich nicht seinen Erwartungen – aber er blieb dennoch. Ich kann meine Dankbarkeit nicht in Worte fassen. Dank ihm schaffe ich es endlich, normale Erfahrungen sammeln zu können, all das ohne die allzeit vorhandene Angst der vergangenen Jahre.

Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen dort draußen gibt, denen es genauso ergeht oder erging wie mir. Sehr viel mehr Menschen, als man glauben möchte. Ich weiß, dass ich viele Jahre Fehler begangen habe – weil ich es nicht besser wusste. Ich hätte jemanden gebrauchen können, der mir sagt, dass ich nicht alleine bin mit diesem Unrecht, dass es ganz und gar nicht in Ordnung ist und dass ich mich wehren muss. Hätte ich ein Vorbild gehabt – wer weiß, wie dann alles ausgegangen wäre.

Auch wenn es mich zutiefst in der Seele schmerzt: Ich möchte ein solches Vorbild für andere sein. Ich möchte euch zeigen, dass es einen Ausweg gibt, dass man ihn nur finden muss. Und ich möchte, dass euch allen bewusst wird: nicht wir sind diejenigen, die schuld sind an diesem Unrecht. Wir sind jung in eine schlimme Situation geraten, auf die wir keinen Einfluss haben. Unsere Peiniger sind schuld, nur sie, und sie verdienen die größte Strafe überhaupt. Aber dafür müssen wir uns wehren und aus diesem Teufelskreis ausbrechen.

Ich wünsche mir so sehr, dass andere den Mut finden, aus diesem Gefängnis zu entkommen. Ich wünsche euch einen Eric, so wie er mich ereilt hat, und falls es ihn doch nicht gibt – dann genug Kraft, um alleine daraus zu kommen.

Sollte ich euch helfen können, dann lasst es mich wissen.

Ich werde nun an meiner Zukunft arbeiten. Wie? Das könnt ihr ab März genauer nachlesen. Hoffentlich hilft es euch irgendwie weiter.

Einen letzten Appell habe ich noch an Nicht-Betroffene: Verschließt eure Augen nicht; gerade das Schlimme ist meist nur an kleinen subtilen Zeichen zu erkennen.

Danke für euer Zuhören/Lesen.

Eure Lina

Kommentare:

  1. Hallo Lina,

    schön dass du uns so einiges erzählt hast.

    Ich freue mich schon darauf, noch mehr von dir zu lesen.
    Sag Emma, dass sie ganz ganz schnell weiter schreiben soll.
    Achja, grüß doch auch Sara und Lucy von mir :)

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  2. Vielen Dank für die Eindrücke in dein Seelenleben, liebe Lina. Tatsächlich war ich sehr berührt von deinen Erlebnissen und bin gespannt, wie sich dein Leben weiter entwickelt.
    Liebe Grüße
    Leo

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