Sonntag, 13. Juli 2014

[Aktion] Autoren erzählen ... ... Bettina Bellmont





Zur Person
Bettina Bellmont wurde 1990 geboren und lebt heute in der Ostschweiz. Unter anderem als Autorin von Jugendbüchern und freie Journalistin tätig, widmet sie sich hauptberuflich ihrem Studium der Germanistik, Publizistik und des Japanischen an der Universität in Zürich.


Ihr erster Roman Am Tag der Schwarzen Vögel (Einzelband) erschien im August 2010 im Novum Verlag. Bereits als 14-Jährige hatte sie damit begonnen. Der zweite Roman Das Schweigen des Schnees (1. Band einer Reihe) erschien im November 2013 beim Papierfresserchens MTM-Verlag. In dem Asia-Fantasy-Roman kämpfen die Geschwister Asa und Yoru gegen die Öffnung des Tors nach Yomi, der Unterwelt. 
Weitere Infos zum Buch und der Autorin:



 

Solche Momente …


Ich stehe da und staune.
Eigentlich war ich auf dem Weg zur Sprachschule und nahm einen kleinen Umweg, weil ich etwas zu früh unterwegs war. Und was passiert? Da lande ich mitten in der Großstadt auf einer riesigen Tempelanlage, wo mich die Vergangenheit wie dichter Nebel umhüllt. Nicht einmal fünf Gehminuten vom mehr oder weniger modernen Guest House mit Klimaanlage, TV, Computern und elektrischem Licht entfernt, stolpere ich über diesen Fleck „Damals“ und wundere mich, wie die Zeit plötzlich nicht mehr weiter tickt. Ein großer, breiter Tempelbau in dunkler Holzoptik erhebt sich vor meinen Füßen, links und rechts entdecke ich überall auf dem Platz weitere kleine Gebäude mit steinernen Götterdienern vor den kleinen Toreingängen. Der Lärm der Straße gegenüber verschwindet beinahe in der allumfassenden Stille des Ortes. Leise japanische Worte dringen an mein Ohr. Ich entdecke eine junge Familie, die bei einem Nebengebäude gerade mit dem Mönch sprechen, der durch ein kleines Schiebefenster hindurch Glücksbringer verkauft. Oma und die kleine Tochter tragen hübsche Kimonos, doch die dicken, in grellen Farben leuchtenden Daunenjacken der Eltern holen mich langsam wieder zurück ins Jetzt. 

Bild 1: Eintauchen in eine scheinbar vergangene Welt: Der Eingang zum
Tempel in der Nähe von des Bahnhofs Warabi (Tôkyô).

Die Schule! Die hatte ich beinahe vergessen! Ob ich wohl schon zu spät dran war? Ein panischer Blick auf meine Armbanduhr – seit meiner Ankunft im Flughafen Narita exakt auf 8 Stunden vorgestellt – lässt mich ruhiger werden. Mir bleibt noch massig Zeit. Das Eintauchen in die Vergangenheit hat nur einen kurzen Augenblick in Anspruch genommen. Ich schlendere noch etwas herum und bleibe vor einem kleinen Gebilde auf der linken Seite des Holztempels stehen. Ein Shintô-Schrein. Unverkennbar. Rot lackiert. Vor dem Schrein sind sitzende Fuchsstatuen aufgereiht, was mich vermuten lässt, dass hier die Fuchsgöttin Inari verehrt wird. Ob ich wohl auch um etwas Wohlstand bitten sollte? Da ich mich zu wenig mit Shintô-Ritualen auskenne und mich als Gaijin sowieso nicht blamieren will – ich falle eh schon auf wie ein bunter Hund – lasse ich es bleiben und schicke der Göttin zumindest innerlich einen Gruß. Schaden kann’s ja nicht.


Bild 2 und 3: Der kleine Shintô-Schrein auf der Tempelanlage. 


Ich mache mich langsam auf den Weg Richtung Bahnhof und verlasse den Tempel mit einem Hauch von Wehmut. Wie es wohl damals war? Damals, als noch jeder im Kimono über die Anlage schlenderte? Damals, als einem nicht gleich nach dem Torausgang die nächste Leuchtreklame des großen Konbini entgegenleuchtete? Haben Menschen wie Asa und Yoru ebenfalls solch eine Ruhe verspürt? Asa und Yoru! Die Ideen sprudeln plötzlich über. Ich bin heilfroh, dass ich mein Schulzeug dabei habe, so wird nun die Vokabelliste mit allerlei Ideen und Gedankenfetzen vollgekritzelt. Mitten auf dem Gehweg (von wegen unauffällig bleiben und so). Hätte ich doch mein Schreibnotizbuch dabei. Ja! Band 2 von Asa Monogatari, wie ich die entstehende Reihe für mich nenne, braucht unbedingt – endlich! – den Auftritt eines Kitsune. Männlich? Weiblich? Egal. Shiro sollte sich einfach hübsch über den neuen Fuchs ärgern können. Und vielleicht eine kurze Szene mit einem Schreingott? Vielleicht benötigen Asa und Co. einmal göttlichen Rat?
Ich gebe es zu. Auf solch eine Inspirationsflut konnte ich bei Band 1 „Das Schweigen des Schnees“ nicht zurückgreifen. Da musste ich mich schon durch Bibliotheken wühlen und verstaubte, englische Wälzer durchackern, ehe ich etwas Interessantes daraus hervor klauben konnte. Jetzt, zwei Monate nach der Veröffentlichung, befinde ich mich plötzlich selbst in Japan, das auf den ersten Blick so gar nichts mit dem fantastischen, historischen Reich meiner Figuren zu tun hat. Aber eben nur fast. Da sind diese kleinen Momente. Diese „Wow“-Effekte, wenn man über uralte Tempel zwischen Hochhäusern stolpert. Dieses Innehalten, wenn man eine alte Dame im (vermutlich) extrem teuren Kimono auf dem Bahngleis stehen und auf die Metro warten sieht. Und dieses unverhohlene Staunen, wenn man im Meer von Einheimischen und Touristen durch die Einkaufsstände bei Asakusa getrieben wird.
Und manchmal, wenn ich nun vor dem grell leuchtenden Weiß meines PCs sitze und mich frage, wie ich die Zeilen nur füllen soll, wie ich Asa nur auf ihrem Weg begleiten kann, denke ich an solche Momente zurück. Klicke mich gedankenverloren durch die Bilder meiner Reise. Und wünsche mich zurück.


Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Bettina, dass sie uns an ihrer Reise in die Vergangenheit teilhabn lassen hat und wünsche ihr viel Erfolg bei ihren Büchern. Kennt jemand von Euch eines ihrer Bücher?

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