Samstag, 31. Mai 2014

Ein Jahr








Heute vor einem Jahr habe ich den wohl schlimmsten Anruf meines bisherigen Lebens bekommen. Es war ein Freitag, ich stand um 18:15 Uhr am Bahnhof auf dem Weg in den Feierabend, als ich mit meinem Bruder telefonierte und er mir die Frage stellte "Wie schnell kannst du im Klinikum sein?" Meine etwas "doofe" Frage, wer denn jetzt schon wieder im Krankenhaus liege wurde anders beantwortet als erwartet. Natürlich ging ich davon aus, dass unser Vater mal wieder im Krankenhaus liege. Wer denn auch sonst? NEIN, natürlich bekam ich die Antwort, dass es Mama sei. Das Wetter passte zu meiner Stimmung, der Regen vermischte sich mit meinen Tränen, obwohl ich noch nicht mal wusste was passiert war. Dies alles habe ich so nebenbei erfahren. Was ich erfahren habe hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weg gezogen.

Mein Bruder hatte einen Anruf von dem Vorgesetzten meiner Mama angenommen, in dem meinem Bruder mitgeteilt wurde, dass meine Mama ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem sie bewusstlos auf dem Boden der Mitarbeitertoilette gefunden wurde. Eine Stunde hat es gedauert, bis mein Bruder erfahren hatte WO unsere Mama hin gebracht wurde. Wir sind dann zusammen ins Klinikum Fürth gefahren und sind sofort in die Notaufnahme gegangen. Der diensthabende Arzt versuchte uns zu beruhigen, hatte uns erzählt, dass es Mama gut ginge, sie eine Hirnblutung habe, aber selbstständig atmen würde, und der Puls auch von alleine arbeiten würde. Die Maschinen sie ledglich unterstützen würden um ihr das alles zu erleichtern. Auch hat er uns mitgeteilt, dass sie eine Standleitung mit der Kopfklinik in Erlangen hätten, und diese meinten, dass meine Mama sofort nach Erlangen überführt werden solle, da man ihr hier noch helfen könne.

Beruhigt über diese Information fuhren wir wieder nach Hause und haben es dort dann endlich geschafft unseren Papa zu wecken und ihm das alles zu erzählen. Geplant war eigentlich, dass wir die Nacht abwarten würden, bis die Kopfklinik alle nötigen Untersuchungen und Maßnahmen beendet hätte. Unser Papa bestand aber darauf, dass er unbedingt nach Erlangen will. Also während mein Bruder, in der Annahme, dass ja sowieso alles wieder gut wird sich mit einem Kumpel getroffen hatte, bin ich mit Papa im Taxi nach Erlangen gefahren.

Die Wartezeit, bis wir auf Station und zum Arzt durften zog sich ewig hin. Und dann die ernüchternde Information "Ihrer Frau/Ihrer Mutter konnten wir nicht mehr helfen, sie war in Fürth schon tot." Dass ich sofort in Tränen ausgebrochen bin lässt sich wohl verstehen. Ich bin dann nur nach unten und habe meinen Bruder angerufen, dass er sofort nach Erlangen kommen solle. Die halbe Nacht waren wir dann also im Krankenzimmer meiner Mutter und standen ums Bett. Wir konnten es nicht glauben. Immerhin war sie ja an den Maschinen angeschlossen, und sie atmete ja auch - immerhin wurde uns in Fürth ja gesagt, dass diese nur zur Unterstützung vorhanden wären.

Nach einer kurzen Nacht sind mein Bruder und ich dann wieder nach Erlangen gefahren, allein schon weil wir unseren Papa dort unter Beobachtung gelassen hatten. Den ganzen Tag hatten wir am Bett unserer Mutter verbacht. Am 01.06. wurde dann offiziell der Totenschein ausgestellt. Immer noch hing sie an den Maschinen. Es ist schwer so etwas mit anzusehen. Auch wenn uns von Anfang an gesagt wurde, dass sie nie mehr zu sich kommen werde, da sie definitv HIRNtot sei. Die geplatze Ader hatte den kompletten Hirnstamm abgedrückt, so dass Dinge, die man unbewusst macht, und die einfach zum Grundstock eines selbstständigen Lebens gehören nicht mehr selbstständig ausführen könne. Hier gingen dann auch schon die Meinungen über das Abstellen der Maschinen außeinander. Mein Vater hatte bis zum Schluss die Hoffnung, dass es doch anders werden könnte und wollte NICHT, dass die Maschinen abgestellt werden. Mein Bruder und ich hingegen haben der Wahrheit ins Auge gesehen, was soll man einen Menschen, der sowieso nichts mehr mitbekommt noch länger quälen? Am 02.06. wurden abends um 18:00 Uhr die Maschinen endgültig abgestellt.

Alles in allem kann ich auch heute noch sagen, dass ich von einer Klinik, die in ihrem speziellen Gebiet einen so guten Ruf haben soll, so schlecht mit den Patientienten und ihren Angehörigen umgeht. Meine Mutter hatte kein Einzelzimmer, nein, sie lag mit einer anderen Patientin im Zimmer. Hallo geht es noch?! Wie kann man so etwas verantworten? Am Nebenbett wurde gelacht und gewitzelt, und an unserem Bett wurden nur Wehklagen ausgestoßen. Also ein bischen mehr Pietät und Rücksicht hätte man schon erwarten können. Nachdem die Maschinen abgeschlossen waren, wurde uns "ausnahmsweise" die Möglichkeit eingeräumt, uns nochmals still und alleine von unserer Mutter/Frau zu verabschieden. Der Raum in den wir gebracht wurden, in den unsere Mutter gebracht wurde war ein kalter Raum. Abstoßend, und überhaupt nicht zum Wohlfühlen. Unakzteptabel war auch, dass plötzlich Schwestern rein kamen, weil sie dort ihre Pause verbringen wollten! Genau, diese ach so tolle Klinik hat nicht mal genug Platz um einen Raum für Abschiede einzuräumen. Und über die Schwester, die zum Schluss noch für meine Mutter zuständig war, war sowieso die Unhöflichkeit in Person. Statt uns in unsere Trauer zu bestärken, uns Trost und Mut zuzusprechen bekommt man keine 24 Stunden, nachdem der Tot offiziell und die Maschinen abgeschaltet sind zu hören "Dass sei normal, jeder muss sterben." Sowas kann man nicht bringen wenn man sieht, dass diese Menschen gerade eben einen wichtigen Menschen verloren haben. Unter aller Sau einfach nur. Ich bin noch heute entsetzt darüber. Und gerade wo ich diesen Bericht verfasse sehe ich das komplette Wochenende im Zeitraffer vor mir.

Es ist komisch, dass ich jetzt mit den Tränen ringe, aber die letzten Monate alles für normal hingenommen habe, dass sie nicht mehr da ist. Das letzte Mal an ihrem Geburtstag an sie gedacht habe. Wie kann ein Mensch, der einem doch so wichtig war so einfach verblassen?



1 Kommentar:

  1. Sie verblasst nicht, nur Deine Trauer wird weniger und es wird erzräglicher. :) Du wirst auch nach Jharen anbestimmten Tagen, in bestimmten Situationen an sie denken, nur eben anders. Ich kenne dass von meinem Omis. . :)

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